Geneigter Leser! Für 2008 verabschieden wir uns von der Oberfläche und freuen uns, Sie 2009 wieder in unserem Notizbüchlein begrüßen zu können. Wir werden Sie nach einer kurzen Pause bis Anfang Januar wieder mit Interessantem und Lesenswertem rund um die hessische Apfelweinproduktion versorgen.
Das kommende Jahr wird uns Gelegenheit bieten, das Apfelweinjahr von Anfang bis Ende zu begleiten. Wir bereiten vielfältige Berichterstattung von der Blüte bis in den Keller vor und freuen uns darauf, Sie weiterhin mit dem zu versorgen, was wir – und Sie hoffentlich auch – für wichtig, lesenswert und interessant halten. Bis dahin, alles Gute!
Apfelsekt, Abbelschambes, Was ist das eigentlich? Kleine Erklärung: Den ersten deutschen Schaumwein aus Äpfeln hat Carl Samuel Häusler hergestellt. Und das nicht, weil er so gern Champagner gemacht hätte, aber keine Trauben zur Hand hatte, sondern weil er wahrscheinlich ahnte, welch tolles Produkt ihm da gelingen würde. Wir wissen natürlich nichts von den geschmacklichen Eigenheiten der Häuslerschen Erzeugnisse, wissen aber um die Popularität von Apfelschaumweinen in der Folge. Schließlich wurde die Delikatesse von Deutschland aus in die ganze Welt geschickt. Hergestellt wird Apfelschaumwein (oder: sollte hergestellt werden) nach der Champagnermethode (ein Grundwein wird mit Champagnerhefen versetzt, gärt ein zweites Mal, kommt ins Rüttelpult, wird degorgiert).
Im niederschlesischen Grünberg lebte also besagter Erfinder und gründete eine Kellerei. 1820 stellte er seinen Apfelschaumwein her und war damit den deutschen Herstellern von Traubensekt um 8 Jahre voraus. Das Interesse an Apfelschaumweinen ging ab der Mitte der 1940er Jahre zurück, das Produkt verschwand von der Oberfläche. Erst Mitte der 1980er Jahre kam es durch die Arbeit kleiner Keltereien zu einer Renaissance, namentlich Jörg Stier (Maintal-Bischofsheim) machte sich um diese Wiedergeburt mit seinen Getränken verdient. Die Bandbreite von Perlendem und Schäumendem, die auch heute noch in diesem Betrieb hergestellt wird, ist lohnender Anreiz für einen Besuch dort.
Ein anderer Hersteller, der sein konventionelles, aber erstklassiges Apfelweinsortiment (unter anderem) mit hervorragenden Apfelschaumweinen abrundet, ist die Kelterei von Gerhard Nöll in Frankfurt. Freunden von extra trockenen Erzeugnissen sei der Apfelschaumwein in der Variante brut ans Herz gelegt, der Einsteiger und Freund von etwas mehr Restsüße entscheidet sich womöglich für den Apfelschaumwein trocken; diesen hatten wir neulich. Volle Aromen von spät geernteten Äpfeln, eine feine, toll ins Getränk eingebundene Perlage sowie eine angenehme Säure, machen dieses spritzige Getränk zu einem ausgesprochen trinkenswerten Begleiter der Weihnachtstage und -abende. Und bei 7,5 %vol darf man sich ruhig auch mal festtrinken an so einem Fläschchen.
Im Jahr 2006 veranlassten der Verband der hessischen Apfelwein- und Fruchtsaftkeltereien und die Marketinggesellschaft ‘Gutes aus Hessen’ die Universität Gießen, eine Studie durchzuführen, um den Gründen des Rückgangs des Apfelweinkonsums auf die Schliche zu kommen. Die Situation: Zwischen den Jahren 1995 und 2004 war der Konsum in Hessen um 3 Liter pro Kopf zurückgegangen. Warum? Als Gründe für den Rückgang wurden von den Befragten genannt:
Wunsch nach alkohol- und kalorienarmen Getränken (möglichst mit gesundheitlichem Wert); wenn alkoholische Getränke, würden eher andere, allen voran Bier und Rotwein, gewählt; generell trinken die Hessen weniger Alkohol, weil auch sie immer älter werden, Den jungen Hessen ist Apfelwein zu traditionell, das Image des Apfelweins ist für die Jugend, bzw Nicht-Konsumenten langweilig, Apfelwein ist nicht in deren Bewusstsein; Geschmack der Jungen geht Richtung süßer Mixgetränke.
Als eine dringliche Marketingmaßnahmen wurden damals neben anderen “Modernisierung und Frische” genannt. Das Image eines Produktes hat viel mit dessen Aufmachung zu tun. Betrachtet man sich die Ausstattung handelsüblicher Apfelweine, fallen einem die Adjektive modern und frisch eher nicht ein. Zumeist braune Verbandsflasche, nicht selten handgezeichnetes Etikett, auf dem Bembel, rotbackige Äpfelchen, Apfelweinglas und Brezel prangen. Das ist irgendwie niedlich und liebenswert und vermittelt unmittelbar regionalen Bezug, aber es ist auch schnell muffig, erdschwer, provinziell. Und eigentlich sehen viele Etiketten furchtbar billig aus. Viele, nicht alle. Und das ist schade, denn so wird schon so mancher abgeschreckt, bevor er überhaupt mal einen Schluck probiert hat.
Wer es gern ein bisschen repräsentativer und schicker hat, wem die Optik wichtig ist, vielleicht weil er ein gutes Essen für Gäste zubereiten möchte (für die Gastronomie, zumal die gehobene, gilt das doppelt und dreifach), wird eher nicht so ein braunes Ding auf den Tisch stellen, da mag der Inhalt noch so gut sein. Es gibt zwar mittlerweile Ausnahmen in der Ausstattung, aber die sind selten. Kleine Keltereien, deren Apfelweine in Bordeaux- oder anderen Weinflaschen abgefüllt werden, attraktiv gestaltete Etiketten, Naturkorken – das macht gleich was her. Ob der Inhalt dann auch überzeugt, muss natürlich im Einzelfall herausgefunden werden. Aber der Mensch ist ein Augentier und wird an der attraktiveren Ausstattung sicher mehr Gefallen finden.
Mit Jungweinproben eröffnen Kelterer dem interessierten Publikum eine gute Möglichkeit, die Apfelweine des Jahres im Entstehen zu verkosten. Für die Kelterer sind solche Proben des neuen Apfelweins unerlässliche Qualitätssicherung, die regelmäßig durchgeführt werden muss. Die Interessierten verschaffen sich bei solchen Gelegenheiten einen Eindruck darüber, wohin der Apfelwein sich noch entwickeln kann.
Die Apfelweine, die Jürgen Krenzer (Altweibersommerschoppen 2008: verschiedene Apfelsorten plus Johannisbeere. Feine Gerbstoffe, leichte Cassisnote, was dem jungen, frischen Wein sehr gut steht, ungewöhnlich die rote Färbung), Robert Theobald (Fassabzug Buchscheerapfelwein: Frühe Apfelsorten der Kleingärtner in der Umgebung, nach Aussage des Kelterers viel Brettacher. Der Jungwein lässt ein mildes Endergebnis vermuten), Armin Treusch (sortenreine 2008er Goldparmäne aus dem Odenwald: trocken ausgebaut, kräftiger Apfelwein mit schön eingebundener Säure und schon jetzt vergleichsweise viel Alkohol), Peter Merkel (“Der Neue”: frisch, fruchtbetont, noch sehr trüb, sehr schmackhaft), Jürgen Schuch (“Erster Hesse”: schöne Apfelfrucht, deutliche Gerbstoffe, angenehm adstringierend, anregend und macht Appetit, noch trüb) und Michael Stöckl (sortenreiner Boskoop aus dem Taunus mit Mispel: typisch Boskoop, fruchtig mit viel Kraft und schöner Säure, noch recht trüb, das wird!) jetzt in der Frankfurter ‘Buchscheer’ präsentiert haben, zeigen deutlich, das Apfelwein keineswegs gleich Apfelwein ist. In der Nische blüht die Vielfalt!
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