Dass er uns auf jeden Fall eine Flasche Apfelwein dortigen Ursprungs mitbringen solle, haben wir dem Freund noch rasch zugerufen, bevor er in den Flieger stieg, um seine USA-Reise anzutreten. Apfelwein in den Staaten, wie kämen wir denn auf die Idee? Na klar, entlang der Ostküste, bis hoch in die Neu-England-Staaten, und in anderen Gebieten auch, ist das eher die Regel als die Ausnahme. Natürlich mag es der Ami lieber süß, auch hat er nichts gegen blauen Farbstoff im Apfelwein (wir erinnern uns mit Grausen an den “Blue Hawaiian Applewine”), aber Apfelwein bleibt Apfelwein.
Auf die große Freude darüber, dass der Freund auf seiner Reise wirklich an unseren Cider gedacht hat, folgt die kleine Enttäuschung darüber, dass ja überhaupt kein Alkohol darin enthalten ist. Gleichviel. Der SAFT, der hier im Ciderpelz daherkommt, ist laut Etikett aus vollreifen Äpfeln gekeltert und schmeckt auch so. Zur Haltbarmachung ist er pasteurisiert und mit Kaliumsorbat versehen, ein Lebensmittelkonservierungsmittel, dass auch hierzulande eingesetzt wird. Sollten Sie also mal nach Vermont kommen: Besuchen Sie die Cold Hollow Cider Mill auf einen Schluck Apfelsaft.
Es war einmal….In einer Zeit, die schon lange vergangen ist, gab es in jedem Dorf und jeder Stadt Wirte, die ihren eigenen Apfelwein gekeltert haben. Und es gab nicht nur einen hier und einen da, sondern jede Menge selbstkelternde Apfelweinwirte. Und bei keinem schmeckte der Apfelwein gleich. Unterschiedliche Sorten, unterschiedliche Herangehensweise und natürlich die Wildobstsorten Quitte, Schlehe, Speierling, Ebersche und Mispel, die früher mehr als heute bei der Apfelweinbereitung eine Geige spielten, sorgten dafür, dass der Apfelwein überall anders schmeckte.
Das Wildobst, das in einer Region häufig vorkam, wurde natürlich oft verwendet. Wurde er etwa in Sossenheim oder Kronberg gekeltert, wurde eher der Speierling verwendet, dort, wo etwa viele Quitten wuchsen, prägten sie den Geschmack des Apfelweins usw. So kam es, dass nicht nur von Wirtschaft zu Wirtschaft, sondern auch von Dorf zu Dorf der Apfelwein unterschiedlich schmeckte. So entsteht Vielfalt. Was heute kaum jemand mehr weiß – betagte Einheimische wahrscheinlich schon, wer sonst?: In früheren Zeiten war das Städtchen Steinheim am Main so etwas wie ein Apfelweinzentrum. Das “Staanemer Gold” war einer der bekanntesten Apfelweine der Stadt, gekeltert in der letzten gewerblichen Kelterei des Städtchens, der Kelterei Jung. Rund 25 Jahre ist es her, dass die Kelterei geschlossen wurde, mit ihr verschwand die beliebte Markte. Aber die ist jetzt wieder da.
Der Enkel des damaligen Kelterers, Benny Jung, hat die Revitalisierung in die Wege geleitet: „Mit dem Staanemer Gold wollten wir eine alte Steinheimer Traditionsmarke wieder aufleben lassen, denn Steinheim zählt von Alters her zu den bekanntesten Apfelwein-Hochburgen Hessens“, sagt er. Allerdings keltert der Enkel nicht selbst, den handwerklichen Teil übernimmt Kelterer Jörg Stier. Dem Mann ist Warung und Wiederentdecken von Traditionen ein Anliegen. Man wird ihn nicht lange überzeugt haben müssen, die untergegangene Traditionsmarke neu aufzulegen. Als die Kelterei des alten Jung zugesperrt wurde, waren wir 11, 12 Jahre alt und Steinbach so fern wie der Mond. Wir können also nichts über das alte “Staanemer Gold” sagen. Bei der neuen Abfüllung aus der Kelterei Stier handelt es sich um einen eher milden, frischen Apfelwein, verantwortlich für die feinen Apfelnoten ist ausschließlich Steinheimer Streuobst. Wir wünschen der neuentdeckten Traditionsmarke ein langes zweites Leben. Wer es selbst probieren möchte, wendet sich hierhin.
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