Der 2010er-Jahrgang der Hessischen Wirtshauskelterer

Wenn man so will, war der inoffizielle Beginn der Apfelweinsaison 2011 bereits im letzten November. Damals präsentierten die 7 Betriebe der Hessischen Wirtshauskelterer ihre “Neuen Hessen” im Frankfurter Apfelweinlokal “Zur Buchscheer”: die jungen Apfelweine des 2010er Jahrgangs, neu, ungestüm, rauh, überaschend fertig, frisch, vorübergehend in der Gärung stecken geblieben – vieles war dabei, man konnte einiges erschmecken an diesen jungen Weinen, man konnte sozusagen das volle (hessische) Apfelwein-Spektrum am Beispiel dieser Jungweine erkunden. Und man konnte anhand dieser ersten Proben einiges über das Selbstverständnis der Kelterer erfahren, über deren Herstellungsweise der Apfelweine und Herangehen an den Most. Jetzt, pünktlich zum Beginn der schönen Jahreszeit, haben die Hessischen Wirtshauskelterer zur Verkostung der fertigen Apfelweine des 2010er-Jahrgangs gebeten – an den selben Ort der Präsentation der jungen Weine. Wobei: Fertige Apfelweine gab es in diesem Jahr nicht an jedem Stand. Armin Treusch (Treuschs Schwanen, Reichelsheim im Odenwald) hatte seine gesamte Produktion noch nicht gefüllt, was wohl eine weitere Veränderung der in Tanks gelagerten Apfelweine zur Folge haben wird, Willi Arnold (Hainmühle, Homberg/Ohm) hatte seine Apfelweine, die er ohnehin das ganze Jahr über größtenteils in Tanks im kalten Keller lagert, in 5 Liter-Cubitainers abgefüllt. Desgleichen Robert Theobald (Buchscheer).

Leute im Gespräch.

Gleichviel: Armin Treusch brachte eine charakteristische Auswahl seiner reinsortigen Apfelweine aus dem Odenwald mit nach Frankfurt-Sachsenhausen, die der Nase typische Aromen ausgereifter Kelteräpfel bieten. Etwa Reichelsheimer Weinapfel mit Weinbirne, Bohnapfel sur lie, Goldparmäne: vollreife Aromen, sortentypische Primäraromen – vieles ist wahrzunehmen. Allerdings mehr noch über die Nase als den Gaumen. Die Weine sollten bald in Flaschen gefüllt werden, um Aromen und die verbliebene Frische besser konservieren zu können. Unser Favorit aus Treuschs 2010er Produktion: “Graue Herbstrenette späte Lese”: tolle Frucht, klare Aromen und frische Säure. Auch Jürgen Schuch (Schuchs Restaurant) hatte in seiner guten Auswahl eine Goldparmäne dabei: Schön, wie es hier gelungen ist, die typischen Eigenschaften dieser Sorte, etwa das nussige Aromen, in den Apfelwein herüberzuführen. Ein milder, harmonischer Apfelwein, der nicht adstringiert und wenig Säure hat. Noch so ein doller: “Hessischer Apfelwein mit Quitte” aus dem gleichen Hause: ähnlich mild in der Säure, die Quitte gibt dem Apfelwein die typischen Töne dieser Frucht und die charakteristische, leicht stumpfe Note mit. Michael Stöckl, der einzige im Rund, der sich in seiner Auswahl auf einen einzigen Apfelwein konzentrierte, brachte seinen 2010er “Von der Aue” mit.  Der Streuobstapfelwein aus den Sorten Bohnapfel, Ontario, Rote Sternrenette, Ananasrenette u.a. ist ein typischer, schmackhafter Vertreter dieser Gattung. Peter Merkel, Kelterer und Gastronom aus Annelsbach im Odenwald, zeigte mit seinem Apfelwein “Rote Maische”, wozu so ein Abend mit einer Verkostung von Manufacturapfelweinen gut sein kann: Apfelweine kennen lernen, die nicht in die gängigen Apfelweinkonventionen passen und dennoch zu faszinieren vermögen. Die “Rote Maische” sollte eigentlich eine rötliche Färbung haben, aber das Experiment mislang. Peter Merkel ärgert sich nicht darüber, denn er weiß: wer Experimente wagt, dem geht auch mal was daneben. Geschmacklich ist der Apfelwein ein Erlebnis: Trüb und hefig ist er und  zeigt damit dass er nicht durchgegoren ist. Tolle Fruchtaromen und Vanille in der Nase, mit kräftiger Säure und schön adstringierend. Ein charakterstarker Kerl mit Ecken und Kanten. Es mag etwas Zeit brauchen, sich daran zu gewöhnen, aber dann will man ihn nicht mehr missen.

Jürgen Krenzer brachte die umfangreichste Produktauswahl mit in die Buchscheer: Die Apfelweine und Apfelsherries aus dem kleinen, viel gerühmten Handwerksbetrieb in der Rhön machten rein mengenmäßig den Löwenanteil der Jahrgangspräsentation aus. Zwei der Apfelweine picken wir hier heraus: Die “Trilogie” aus Winterrambour, Roter Sternrenette und Ontario und die “Karmeliterrenette”. Im Ersten ist es Krenzer sehr gut gelungen, den jungen Charakter des Apfelweins einzufangen. die Ausgewogenheit aus Fruchtaromen, knackiger Säure und Zucker, die die Auswahl der drei Apfelsorten ergeben hat, ist das Hauptmerkmal dieses recht guten Apfelweins. Der zweite, die “Karmeliterrenette”, könnte – und man möge uns das alberne Wortspiel verzeihen – auch “Karamelliterrenette” heißen: Der Apfelwein weist neben einer kernigen Gesamtsäure (5,8 g/l) und Noten von schönen, top gereiften Äpfeln eine wunderbare Karamellnote auf. Willi Arnold bot 3 Apfelweine an: einen Sortenreinen vom Boskoop, den Novemberschoppen und den Oktoberschoppen.

Im Verbund der Wirtshauskelterer stellt Willi Arnold so etwas wie den Garanten für trockene, blitzeblanke Apfelweine mit rassiger, knackiger Säure dar. Was ihm zu seinen faszinierenden Apfelweinen verhilft, ist neben großem handwerklichen Geschick das stark säure- und gerbstoffführende Obst der oberhessischen Streuobstwiesen. Novemberschoppen: Klassische Streuobstsorten (Schafsnase Bohnapfel Borsdorfer etc) Die Nase riecht Herbst. Perfekt gereifte Äpfel, Fruchtaromen, klar und sauber. Im Mund Apfelsäure, Fruchtzucker, Gerbstoffe. Wie anregend! Und der Oktoberschoppen kann in puncto Säure noch einen Schritt weiter gehen. Eine ähnliche Auswahl von Apfelsorten bringt ähnliche aromatische Ausprägungen, aber die Apfelsäure ist noch deutlicher, fast spitz, beinahe zuviel. Nur Beinahe. Säure und Gerbstoffe setzen hier nicht nur Akzente im Abgang, sondern sind kontinuierlich geschmacksprägend. Von der Zungenspitze bis zum Hinunterschlucken. Etwas anders der Boskoop. Die tolle Säure auch hier. Booskoop ist nicht nur ein zuverlässiger Lieferant von Fruchtzucker und Aromen, sondern auch ein Säurebringer. Fast ein Alleskönner. Willi Arnold hat die primären Fruchtaromen des Boskoop jedenfalls sehr deutlich in den fertigen Apfelwein herübergerettet. Dem Hausherrn sollen die letzten Zeilen dieses viel zu langen Textes gebühren. Schon seit einiger Zeit macht Robert Theobald, Wirt und Kelterer in der “Buchscheer” nicht mehr lediglich einen Hausschoppen, den er in Tanks im Keller seiner Wirtschaft über das Jahr lagert, sondern widmet sich Experimenten mit sortenreinen Apfelweinen. Neben dem Hausschoppen also ein Perlwein vom Kaiser-Wilhelm-Apfel: Ein frischer, anregender Aperitif-Typ, der gut gekühlt auf jeder Sommerterrasse eine gute Figur macht. Schön zu beobachten, wie sich Kenntnisse und Könnerschaft in den Reihen der Hessischen Wirtshauskelterer von Jahr zu Jahr immer mehr durchsetzen. Finito.

4 Gedanken zu „Der 2010er-Jahrgang der Hessischen Wirtshauskelterer“

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