Die Familie Dienst aus Friedberg-Ockstadt betreibt einen Obsthof wie viele andere in dem Städtchen auch. Das wichtigste Obst neben Tafeläpfeln, die für den Frischverzehr angebaut werden, sind Birnen, Zwetschgen und Kirschen. Das Obst wird hauptsächlich auf den umliegenden Märkten verkauft. Nebenbei bieten die Diensts Brände an und Perlweine, einen mit Quitte, einen anderen aus Äpfeln. Die Ambition solcher Obtsbetriebe kann man oft an Sortenauswahl und Lagerung des Obstes erkennen: Es gibt immer wieder auch Ausgefallenes wie Glockenäpfel und Goldparmänen etc und die Äpfel schmecken nicht selten im Sommer noch wie frisch geerntet. Bei den Apfelweinen, die an derlei Marktständen dann oft nebenher angeboten werden, ist von Ambition allerdings in aller Regel nichts mehr zu spüren: Essigstichige Apfelweine und laktische Töne sind hier eher die Regel, denn die Ausnahme. Nicht so beim Apfelsecco der Familie Dienst: Mit 10,5 %vol ist er zwar etwas zu alkoholisch (Aufzuckerung macht´s möglich). Er bietet aber doch schöne Apfelaromen, eine pralle Fruchtfülle, hat eine Apfelsäure, die durchaus anregend ist und eine kräftige Perlung, die dem etwas zu süßen Perlwein Frische und Spritzigkeit gibt. Das Hinunterschlucken ergibt einen leicht herben Akzent – schön. Gut gekühlt, im Sommer, als Aperitif passt das. 4 Euro sind dafür nicht zu viel. Wir haben ihn am Marktstand auf der Konstablerwache, in der Mitte des Marktes, entdeckt.
Wir bieten eine kleine Einkaufshilfe und verkünden, welchen Keltereien die Apfelcompagnie in diesem Jahr ihre goldenen Äpfelchen verliehen hat.
In der Kategorie Marken-Apfelweine
Kelterei Rothenbücher, Der echte Kahlgrund Apfelwein
Kelterei Possmann, Frankfurter Apfelwein
Rapp’s Kelterei, Rapp’s No.1
In der Kategorie Manufaktur-Apfelweine
Jürgen Schuch, Apfelwein mit Quitte
Obsthof Andreas Schneider, Goldparmäne „Alte Bäume“
Zur Buchscheer, Kronberger Bienenstich 2009
In der Kategorie „Alles was schäumt mit und vom Apfel“
Jürgen Schuch, Grosse Liebe 2008, Boskoop und Grauer Burgunder
Keltererei Müller, PomSecco grün, Kelterei Müller
Kelterei Possmann, Possmann 1881
Der Publikumspreis
Jürgen Schuch, Apfelwein mit Quitte
Der Förderpreis der Mitglieder der Apfel-Compagnie
Dr. Johanna Höhl und Ulrich Allendorf
Für das Konzept und die Weiterentwicklung -Pomp seductive-
Es wurde viel gesprochen in Annelsbach in diesem Jahr. Wenig diskutiert, kaum kontrovers, so gut wie gar nicht geschimpft. Man war auf konstruktives Miteinander aus. In vielen Fragen waren Groß und Klein sich einig. Gegenseitige Wertschätzung allenthalben. Dort, wo kleine Keltereien sich regelmäßig mit den großen Betrieben in den Haaren hatten, gab es in diesem Jahr nur eines: weitgehenden Konsens. Und das ist ja auch gut.
Es wurde also viel gesprochen. Über Vielfalt. Über Image. Über Qualität. Die Vielfalt haben wir mittlerweile, da kommt kein anderes Land mit. Wo gibt es auf so wenig Platz eine so reichhaltige Palette von Apfelweinen wie in Hessen? Am Image wird gewerkelt. Diverse Keltereien setzen auf milde Apfelweine, stattliche & elegante Ausstattungen, Premiumschaumweine etc fürs Sortiment. Das kommt an und funktioniert auch gut. Trotzdem ist das staubige Image eine harte Nuss, es wird seine Zeit dauern, sie zu knacken. Falls es klappt. Das größte Problem: Die Qualität. Verkostungen ergeben regelmäßig, dass kleine wie große Kelterein Qualitätsprobleme haben. Natürlich bei weitem nicht alle, aber dennoch zu viele. Hefeböxer, Essigstich und andere Gärfehler sind bei weitem nicht die Domäne kleiner Keltereien. Das bringen in erstaunlicher Kontinuität auch die Großen hin. Offenbar schützen ein Studium der Getränketechnologie, das Abgucken der Kellertechnik der Winzer und andere profunde Wege der Wissensaneignung nicht davor im Apfelweinkeller kapitale Fehler zu machen. Es ist hohe Zeit für eine ehrliche Debatte über mangelhafte Qualität. Denn die prägt – vor allem anderen – das Image, mit dem die Branche zurecht kommen muss. Vielfalt gibt es genug, jetzt muss um Qualität gerungen werden.
Die Hessischen Wirtshauskelterer sind eine kleine, aber wackere Vereinigung von selbstkelternden Apfelweinwirten. Ihre Betriebe sind sozusagen in ganz Hessen verstreut. Ob gemeinsam in den in loser Reihenfolge über das Jahr verteilten Veranstaltungen – öffentliche Verkostungen, Menues mit korrespondierenden Apfelweinen aus den jeweiligen Betrieben – oder jeder der kelternden Wirte für sich durch Apfelweinabende, Schaukeltern oder den alltäglichen Dienst in der Wirtschaft: Die Wirtshauskelterer mühen sich redlich und erfolgreich, Aufmerksamkeit für den Apfelwein zu erzeugen, die Vielfalt aufzuzeigen, das Apfelweinselbermachen zu zeigen. Die Vereinigung hat so manche brancheninterne Debatte angeregt, etwa über die Art der Apfelweinbereitung oder den Umgang mit heimischen Baumäckern.
Der Slogan der selbstkelternden Gastronomen “Apfelwein geht auch anders” definiert deren eigenen Qualitätsanspruch und drückt die Distanz zu den Produkten der landauf und landab bekannten Markenapfelweine der großen Keltereien aus. Aber: Wer Qualität und Transparenz bei anderen fordert, sollte ein gutes Beispiel abgeben, dachten die Wirtshauskelterer. Wer mit Steinen wirft, sollte aufpassen, dass er nicht im Glashaus sitzt. Irgendwann musste eine Qualitätsoffensive her, denn in den sieben Betrieben wurde bislang auch nicht immer nur fehlerfreier Apfelwein von bester Qualität ausgeschenkt und in die Flasche gefüllt. Und einfach nur selbst keltern – das kann ja noch nicht genug Gegenentwurf zu den Produkten der großen Keltereien sein. Es muss auch was Vernünftiges dabei herauskommen.
Die Wirtshauskelterer begannen also eine Diskussion darüber, wie man zuverlässig gleichbleibende Qualität erreichen könne. Es wurde überlegt, wie Apfelweine in gleichbleibender Qualität und ohne nachträgliche Beeinträchtigungen in Flaschen zu füllen seien. Ihre neue ‘Apfelweinedition’ wurde auf dem Weingut Mengel-Eppelmann vom dortigen Kellermeister Jörg Eppelmann industriell filtriert, geschwefelt und steril abgefüllt. Zu guter Letzt wurden sie chemisch analysiert. Eine derartig umfassende Behandlung erfahren diese Weine sonst nicht, muss auch nicht unbedingt sein. Was uns besonders freut: Die Wirtshauskelterer haben die Idee aus unserem Buch “Hessens Apfelweine” aufgegriffen, Weine durch nachvollziehbare Analysewerte zu charakterisieren: Neben der gesetzlich vorgegebenen Alkoholangabe (%vol) finden wir Restzucker (g/l), Gesamtsäure (g/l) und Gesamtphenole (mg/l) auf den Rückenetiketten der jeweiligen Weine. So kann sich der, der sich ein bisschen auskennt und sich dafür interessiert, bereits vor dem Probieren einen Eindruck des Apfelweins verschaffen. Transparenz & Kundeninformation – das ist vorbildlich.
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